imSalon: Nicht geldorientiert Denken - Ist das nicht schwierig für einen Ex-Banker?
Paul: Geld ist nicht alles. Klar, es liegt auf der Hand: Als Investmentbanker kann man gutes Geld verdienen. Jeder, der als Investmentbanker anfängt, will schlussendlich das große Geld machen. Da winkt die Karotte vor der Nase, der Bonus, den jeder haben will. Das ist ein reiner Egotrip und du hast ein gewisses Standing im Leben. Aber Stopp! Ist es das alles wert? Ich habe schon so viel vom Geld gesehen, wie die Geldflüsse funktionieren, wie der Aktienmarkt funktioniert, wer sich in diesem Mauserad wohlfühlt: Gut! Für mich ist das ein Grund zu sagen: Nein! Wir sind beide auf dem Land aufgewachsen, haben dort unsere Freunde und wir verlassen München ohne schlechtes Gewissen. Von meinem Vater habe ich gelernt, man muss sich ausgelebt haben, um wieder voll durchstarten zu können. Und das haben wir. Das ist abgehakt.
imSalon: Wie gehen Sie mit der körperlichen Umstellung um? Vom Sitzen zum Stehen?
Paul: Gut. Eigentlich kein Problem, wenn man ein wenig Sport macht.
Andrea: Für mich ist es die Umstellung auch nicht so wild. Wichtig ist, dass man sich einen Ausgleich zur Arbeit schafft.
imSalon: Haben Sie vorher schon professionelle Friseur-Produkte benutzt?
Andrea: Bevor ich Paul kennenlernte, nicht. Schon die besseren Produkte, aber keine friseurexklusiven Marken.
Paul: Ich verwende immer schon die Produkte aus dem Salon meiner Eltern: GLYNT. Die mag ich, bei denen kenne ich mich aus.
imSalon: Erwarten Sie sich mit Ihrem Background einen Businessvorteil?
Paul: Ja, klar! (lacht). Wir werden sicherlich unser Wissen in BWL und Marketing nutzen. Das ist schon ein Vorteil. Man kann der beste Friseur sein, aber wenn man keine Persönlichkeit hat, wird es schwer mit dem täglichen Kundenkontakt.
imSalon: Gibt es etwas, das Sie im Unternehmen Ihrer Eltern anders machen würden?
Paul: Auf jeden Fall! Da gibt es mittlerweile schon ein paar Reibungspunkte. Wir bekommen viel mit und ich weiß, viele Dinge mache ich fix anders. Ich sage, was ich denke und meine Eltern sind offen dafür, was viel Wert ist.
"Am Anfang hatte ich ein richtiges Brett vorm Kopf (...) Wir hatten es uns einfacher vorgestellt."
imSalon: Wie haben Sie Ihre Friseur-Leidenschaft entdeckt?
Andrea:Die richtige Leidenschaft entwickelt sich gerade. Wichtig war für mich, dass ich mir die Tätigkeit und alles was damit zusammenhängt für mich persönlich vorstellen kann. Und dabei hat mir die Art „Liste“ mit Aufgaben zum Friseurhandwerk und die Sichtweise meiner Schwester geholfen.
Paul: Die Leidenschaft spürt man durch das Arbeiten an den Modellen. Es ist oft auch ein „Learning by Doing“. Am Anfang hatte ich ein richtiges Brett vorm Kopf. Da bekommt man einen Föhn in die Hand gedrückt, soll die Haare wedeln und eine Frisur schaffen. Puh! Jetzt nimmt alles Gestalt an, der Spaß kommt, wenn man weiß, alles hat einen Sinn und einen Zweck, und die Hände funktionieren. Wir hatten es uns einfacher vorgestellt.
Andrea:Es sieht ja alles immer einfacher aus als es ist, aber das ist eben genau die einwandfreie Technik, die es so aussehen lässt. Beim Tennis denken ja auch viele: ach, nur den Ball übers Netz schlagen, das bekomme ich auch locker hin.
"Ihr habt doch studiert, ihr könntet doch auch etwas anderes machen (...) Es ist nervig, dass die Leute so denken!"
imSalon: Wie sind denn die Reaktionen anderer Friseure auf ihren Entschluss?
Andrea: Wir kennen natürlich noch nicht so viele Friseure außerhalb der Familie, aber es gab schon die ein oder andere verwunderte Reaktion, wie: Ihr habt doch studiert, ihr könntet doch auch etwas anderes machen. Für mich ist es verwunderlich, dass sogar innerhalb der Branche so ein Schubladendenken vorhanden ist.
Paul: Friseur sein hat in Deutschland leider diesen negativen Touch. In den meisten medialen Darstellungen leidet der Friseur am Hungertuch, aber schlechte Bezahlung trifft nicht auf alle zu! Wenn man nach Paris oder London schaut, da ist das ganz anders. Da passen Image und Geld. Der Friseurberuf ist bei uns in Deutschland einfach nicht attraktiv, man muss sich manchmal rechtfertigen, dass man Friseur ist.
"Der Friseurberuf ist bei uns in Deutschland einfach nicht attraktiv, man muss sich manchmal rechtfertigen, dass man Friseur ist."
imSalon: An wen richten Sie den Appell? Die Innungen, die Verbände?
Andrea: Hier braucht man Leute, die jung, frisch und authentisch sind. Persönlichkeiten, die man als Kunde selbst auch gut findet.
Paul: Ja! Nehmen wir die jüngste Wella Kampagne: "Friseure bewegen" ! Ein toller Film, der über die Gefühlsebene kommuniziert, mit authentischen Leuten, die erzählen, warum sie Friseur geworden sind und was sie umtreibt. Berufswerbung muss aber auch über die Schulen laufen.
Jeder legt doch irgendwie Wert auf sein Styling, die jungen Leute schauen ob und wie jemand gestylt ist. Da müssen junge Kollegen hin, die Vorbilder sein können und nicht von oben herab.
Andrea: Und auch ganz klar die Möglichkeiten aufzeigen, die man als Friseur haben kann. Trainer, Markenvertreter, Sessionstylist. Leider sind oft die Eltern schon die Gegenredner, die ihren Kindern raten zu studieren und was „Ordentliches“ zu machen.
Paul: Wir müssen uns auf die Fahnen schreiben, das zu verbessern: durch gutes Marketing, eine attraktiver gestaltete Ausbildung, durch Präsenz an den Schulen.
imSalon: Wir sagen Danke für die viele Zeit und wünschen einen guten Start ins neue Berufsleben!
Das Interview führte Katja Ottiger