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Credit: KI generiert / Daniel Golz / imSalon

27.02.2026

Stuhlmiete ist der neue Fetisch – aber was kostet dich die „Freiheit“ wirklich?

Instagram verkauft Solo-Selbstständigkeit wie Bali-Vibes: Latte, Laptop, drei Kunden am Tag und fertig ist das Friseur-Paradies. Daniel Golz hält dagegen: Friseure sind keine Einzelkämpfer, sondern Rudeltiere. Warum Stuhlmiete großartig sein kann, aber ohne Team schnell zur mentalen Dauerbelastung wird und welche Frage du dir stattdessen ehrlich stellen solltest.

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CUT THE BULLSHIT. Kolumne von Daniel Golz


Es gibt gerade einen neuen Fetisch in unserer Branche: Stuhlmiete, Einzelkämpfer, Kleinunternehmer. Instagram verkauft das wie Bali-Vibes mit Latte Macchiato, Laptop auf dem Schoß und drei Kunden am Tag für 120 Euro die Stunde. Freiheit, Baby. Und ja, Freiheit ist geil. Aber jetzt kommt der Teil, den keiner postet.

Der Mensch ist kein Wolf. Er ist Friseur. Und Friseure sind Herdentiere. Wir arbeiten mit Emotionen, mit Körpern, mit Spiegeln, mit Egos, mit Drama und mit Blondierung. Wenn etwas schiefgeht, willst du nicht allein im Raum stehen und dein eigenes Scheitern anstarren. Du willst jemanden neben dir haben, der ruhig sagt: „Okay, chill. Ich hab das schon hundertmal gerettet.“ Das ist kein Luxus, das ist Überleben im Alltag.

Ich stehe selbst in beiden Welten, selbstständig und angestellt, und ich sag dir ganz ehrlich: Nur allein selbstständig zu sein, würde mich mental auf Dauer komplett zerlegen. Nicht weil es schlecht ist, sondern weil es eine andere Art von Belastung ist. Als Solo-Friseur bist du eben nicht nur Handwerker, du bist gleichzeitig Einkauf, Marketing, Social Media, Buchhaltung, Kundenservice, Motivationscoach und oft auch deine eigene emotionale Stütze. Und das alles, während du versuchst, saubere Babylights zu legen und freundlich zu bleiben. Auf Instagram sieht das nach Freiheit aus. In der Realität bedeutet es, dass du keinen Feierabend hast, sondern nur andere Sorgen.

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Stuhlmiete kann trotzdem großartig sein. Für viele ist das genau die richtige Form von Selbstbestimmung. Du entscheidest, du strukturierst dir dein Leben, du hast keinen Chef über dir. Für die richtigen Persönlichkeiten ist das ein Traum. Aber man darf auch ehrlich sagen, dass damit Dinge wegfallen, die in Teams selbstverständlich sind. Niemand springt ein, wenn du krank bist. Niemand schaut dir über die Schulter, wenn eine Farbe kippt. Niemand gibt dir diesen kleinen kreativen Schubs, wenn du innerlich festhängst. Du bist dein eigenes kleines Ökosystem, und das kann unglaublich stark sein – aber eben auch fragil, wenn der Austausch fehlt.

Ich höre im Moment aus beiden Richtungen die gleichen Geschichten: Menschen, die aus großen Salons in die Stuhlmiete gegangen sind und plötzlich merken, wie sehr ihnen der kreative Austausch fehlt. Und andere, die lange allein gearbeitet haben und irgendwann sagen: Ich will wieder Teil eines gut geführten Teams sein, weil ich dort nicht nur funktioniere, sondern mich auch weiterentwickle. Beides ist legitim. Beides hat seine Berechtigung. Es hängt nicht vom Modell ab, sondern vom Menschen.

Was viele unterschätzen: Unser Beruf ist größer geworden. Friseur heute ist nicht mehr nur Schneiden und Färben. Es ist Social Media, es ist Branding, es ist Kundenbindung, es ist Bürokratie, es ist Storytelling. All das frisst Zeit und Energie. Wer das alleine tragen will, braucht nicht nur Talent, sondern auch eine enorme mentale Stabilität. Wer das im Team macht, teilt diese Last, teilt Ideen, teilt Verantwortung – und oft auch Motivation.

Die eigentliche Frage ist deshalb nicht: Will ich selbstständig sein oder im Team arbeiten? Die ehrliche Frage ist: Wie viel Energie, wie viel Zeit und wie viel mentale Kapazität bin ich bereit zu investieren, um so zu arbeiten, wie ich arbeiten möchte? Manche blühen allein auf. Andere brauchen das Rudel, um richtig stark zu sein. Beides ist okay. Aber hör auf, zu glauben, dass der Alleingang automatisch der bessere Weg ist.

Friseure sind keine Einzelkämpfer per Natur. Wir sind Menschen, die mit Menschen arbeiten. Und ob allein oder im Team – am Ende geht es nicht um das Modell, sondern darum, ob du in dem, was du tust, wirklich wachsen kannst.

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