Eberhard Nitze aus Brandenburg an der Havel, der mit 82 Jahren-den Diamantenen Meisterbrief entgegennimmt, hat eine Menge erlebt und in seinem Fall auch mitbewegt. Denn als Vorsitzender der Produktionsgenossenschaft PGH „Neue Linie“ in Brandenburg, führte er das Unternehmen vom Sozialismus in die Freie Marktwirtschaft und ist u.a. Mitbegründer des Verbandes Deutscher Friseurunternehmen e.V.. Ein Gespräch über Vergangenes, über Wendegewinner und Blockparteien, Millionen und Pleiten.
Im Telefonat mit Katja Ottiger
„Handwerk hatte in der DDR goldenen Boden.“
Herr Nitze, 30 Jahre Friseurleidenschaft in der DDR – wie war das?
EN: Uns Friseuren in der damaligen DDR ging es sehr gut, es war ein anerkannter Beruf, das Handwerk hatte goldenen Boden. Die Dienstleistungen waren staatlich gesteuert und preislich überall gleich, deshalb konnten sich alle den Friseur leisten. Es gab nur minimale Preisunterschiede. Da kostete der Façonhaarschnitt in kleineren Orten 1 Mark und in größeren vielleicht 1,30 Mark. Egal ob in einer Genossenschaft oder in einem privaten Geschäft.
„Dienstleitungspreise waren überall gleich.“
Was war der Vorteil privater Unternehmer in der DDR zu sein?
EN: Ein Selbstständiger konnte selbst entscheiden, z.B. über seine Öffnungszeiten. Im Privathandwerk war es meistens so, dass der Mitarbeiter einen Fixlohn bekam, während die Mitarbeiter Der PGHs im Angestelltenverhältnis mit einer Mehrleistungsvereinbarung waren, d.h. wenn die Vorgaben erfüllt wurden, verdiente der Mitarbeiter entsprechend mehr. Die Genossenschaften hatten ein höheres Leistungsvolumen, weil jeder mit seinem Fleiß mehr verdienen konnte.
„Umsatz in der DDR? Natürlich war der wichtig!“
Wie wichtig war Umsatz in der DDR?
EN: Natürlich war der wichtig, denn wir haben von diesem Erlös gelebt. Es gab eine Regel: Egal wie viele Geschäfte in einer Genossenschaft waren, ob 2 oder 20, der Umsatz musste stimmen. Das Gehalt wurde für den Chef festgelegt. Der war gedeckelt.
„Das Gehalt des Chefs war gedeckelt.“
Wer legte das Gehalt vom Chef denn fest?
EN: In meinem Fall war das so: Ich bekam am Anfang des Jahres einen Brief vom Oberbürgermeister, in dem er mir mitteilte, wieviel ich in diesem Jahr monatlich verdienen werde. Der legte dann beispielsweise 1.600 Mark fest und meine Mitarbeiter verdienten dann entsprechend weniger.
Drängten äußere, politische Umstände private Handwerker in die Genossenschaften?
EN: Nein, das ist eine Mär. Viele kamen zu uns, weil bei uns gut bezahlt wurde. Nicht wenige unserer Mitarbeiter hatten in einem Privatgeschäft gelernt, sich dann aber für die PGH entschieden. Auch den ein oder anderen Selbstständigen gab es, der aus wirtschaftlichen oder persönlichen Gründen den Weg zur Genossenschaft suchte.