Oliver Schmidt, Salonunternehmer, Coach, Autor und Speaker, im Gespräch mit Raphaela Kirschnick
Oliver, in deinem neuen Projekt „Go College“ widmest du dich neuen Wegen, Nachwuchs fürs Friseurhandwerk zu begeistern. Bevor wir darüber sprechen, wie stehst du denn zur Dualen Ausbildung? Wo siehst du Handlungsbedarf?
Oliver Schmidt: Oh, das kann ich sehr vielseitig beantworten. Grundsätzlich finde ich die duale Ausbildung gut. Wir müssen uns aber die aktuelle Generation anschauen, die hat eine eigene Lernbereitschaft und auch eine andere Einstellung zur Arbeitsweise. Egal ob Geschäfts- oder Ausbildungskonzept, diese gehören immer der Zeit angepasst.
Sind wir der Zeit angepasst?
OS: Persönlich finde ich es schlimm, dass es so viele Ausbildungsabbrüche gibt: Nur gibt es diese auch in anderen Handwerken und die Anzahl der Studienabbrüche ist hoch wie nie. Die Jugend probiert sich mehr aus, man sucht, was wirklich zu einem passt. Das werden wir erstmal nicht ändern. Ein Blick auf die demografische Kurve zeigt jedoch ganz andere Probleme, ob für die Ausbildung, den Arbeitsmarkt oder auch die Rente. Vor ein paar Jahren hatten wir 1,4 Millionen Schulabgänger, jetzt haben wir nur noch 700.000 und mehr werden es nicht.
"Bei diesen Zahlen hat auch das beste Ausbildungssystem ein riesiges Problem..."
Das entspricht ja auch der Entwicklung der Ausbildungszahlen, eine Halbierung in zehn Jahren. Es wird also nicht besser werden?
OS: Genau! Das bleibt zu wenig. Das duale System ist aktuell alternativlos und natürlich müssen wir uns da einiges ansehen. Aber bei diesen Zahlen hat auch das beste Ausbildungssystem ein riesiges Problem. Wenn wir keine Auszubildenden mehr haben, dann hat das ein Mitarbeiter- und ein Salonsterben zur Folge.
„Es gibt eine neue Chance, und die hat bisher keiner erkannt, das ist die KI.“
Das klingt einleuchtend, nur woher dann die Fachkräfte der Zukunft nehmen?
OS: Es gibt eine neue Chance, und die hat bisher keiner erkannt, das ist die KI. Die KI wird unglaublich viele Jobs zerstören. Laut McKinsey tangiert das 45% der bestehenden Berufe. Bis 2030 werden 3 Millionen Menschen ihren Beruf verlieren oder verändern müssen. Kassiererinnen, Grafiker, Buchhalterinnen, technische Zeichner und so viele mehr sind Berufe, die keine Existenzchancen haben.
Deine Lösung?
OS: Anstatt auf sinkende Geburtenjahrgänge mit immer weniger Schulabgängern sollten wir auf die stark zunehmenden Arbeitskräfte aus anderen Berufsfeldern setzen.
„Wenn von 3 Millionen Menschen nur 10% dafür offen sind, dann sind das 300.000 potenzielle Quereinsteigende ins Friseurhandwerk.“
Wo willst du da ansetzen?
OS: Wir werden einen Dachdecker nicht zum Friseur machen, aber die beautyaffine Grafikerin oder Verkäuferin vielleicht schon. Wenn von 3 Millionen Menschen nur 10% dafür offen sind, dann sind das 300.000 potenzielle Quereinsteigende ins Friseurhandwerk. Ich sehe hier ein Ende des Fachkräftemangels.
Hast du Erfahrung mit Quereinsteigenden?
OS: Vor 1,5 Jahren habe ich meine erste Quereinsteigerin eingestellt. Das war ein Zufall, hat aber diesen Gedanken angeregt. Mittlerweile ist sie eine meiner besten Mitarbeiterinnen, und ich habe 7 weitere eingestellt. Aus all meiner Erfahrung habe ich gemeinsam mit Guido Paar ein Trainingskonzept entwickelt.
Wie alt sind deine Quereinsteigende im Durchschnitt?
OS: So um die 28.
Und wie integrierst du diese in den Salonalltag?
OS: Dies birgt natürlich andere unternehmerische Herausforderungen. Wir können diese Kräfte nicht mit einem Azubilohn abspeisen, sondern zahlen ein angemessenes Gehalt. Das bedeutet aber auch, dass sie schnell am Kunden arbeiten müssen, um sich zu rechnen. Dafür benötigen wir eine Produktivitätslösung. Wir müssen es schneller schaffen, Quereinsteiger an den Kunden zu bringen.
Wie bekommt man diese schneller an den Kunden?
OS: Ich habe eine eigene Akademie, das hat der Durchschnittsbetrieb aber nicht. Deshalb haben wir mit GO College Lernmodule für das gesamte fachliche Friseurwissen entwickelt, die jeder Salon umsetzen kann.
Wie sieht das konkret aus?
OS: Wir haben didaktische Videomodule erstellt, um Menschen anders ans Lernen heranzuführen. Diese Module arbeiten Step-by-Step mit vielen kleinen Lernschritten in Form einzelner Arbeitsschritte. Jeden Tag sind dafür 1-2 Stunden notwendig. Diese Lernsystematik schafft tägliche Erfolge. Das können die Menschen online im Salon machen.
Wer kontrolliert dann die Arbeit im Salon?
OS: Dafür gibt es einen Beauty Coach. Jeder Salon bestellt eine, die Quereinsteigenden begleitende Person, das kann ein Mitarbeiter sein oder der Chef/ die Chefin selbst. Diesen trainieren wir in vier eigenen Onlinesessions, die jeweils 90 Minuten dauern. Man lernt dabei alles zum Programm, den Menschen, dem Training, aber auch auf was zu achten ist.
Was kostet das Ganze?
OS: L’Oréal Professionnel unterstützt das ganze System und bietet es über ihre Plattformen an.
Das 12-Monatstraining kostet insgesamt 1.799, - €. Darin enthalten sind die Sessions für den Beautycoach sowie alle Module für den Trainee, so nennen wir die Lernenden.
Welchen Abschluss habe ich danach in der Tasche?
OS: Der Trainee wird dann zum „Go College Hair & Beauty Stylist“ und sollte nach 12 Monaten handwerklich auf dem Level eines Friseurgesellen sein.
Gibt es denn nach 12 Monaten eine Prüfung?
OS: Es wird einen Check geben, da sind wir gerade noch im Finetuning, wie das aussieht.
"Wir haben hier ein verzwicktes Bildungssystem, das andere Ansätze leider allzu oft bremst."
Aber als Friseurausbildung gilt das nicht?
OS: Wir sind keine staatliche Ausbildung, sondern privat. Der Absolvent kann aber mit diesem Training, seinem Abitur oder anderem Lehr-/ Studienabschluss dann zur Lehrabschlussprüfung antreten. Wir haben hier ein verzwicktes Bildungssystem, das andere Ansätze leider allzu oft bremst. Man kann sich ja nicht nur Friseur nennen, wenn man die Lehrabschlussprüfung abgelegt hat. Wir haben da viele Ausnahmen im System. Was ist mit dem Friseur, der bereits 10 Jahre in der Türkei gearbeitet hat?