Einer ihrer wichtigsten Grundsätze ist: Haare sind wertvoll. Das geben Sie auch in Ihren Seminaren weiter.
RS: Ja, wir widmen uns der Ausbildung im Langhaarbereich und wenden uns an Auszubildende und Friseure gleichermaßen. Wir sind gut vernetzt mit anderen Friseuren und jeder der uns kennt weiß, dass er bei uns jederzeit reinkommen kann und lernen. Einfach so.
Sie sind Wissensvermittler, bilden aber aktuell keinen Nachwuchs aus. Warum?
RS: Ich bin ehrlich, würde hier jemand reinspazieren, der aktiv am Leben teilnimmt und offene Augen hat, der Sport treibt, sich für Kunst interessiert und Friseur werden möchte, dann nehme ich den gerne.
"Ich behaupte, früher hatten Auszubildende einen besseren Notendurchschnitt, ein besseres Allgemeinwissen und breitere Interessen."
Das sind hohe Ansprüche, oder?
RS: Das sind genau die Dinge, die in unserem Beruf wichtig sind. Ich erfahre etwas über die Bewegung und den Fall des Haares, wenn ich mir z.B. Tanz anschaue, so etwas bringt mich auf neue Ideen. Ich behaupte, früher hatten Auszubildende einen besseren Notendurchschnitt, ein besseres Allgemeinwissen und breitere Interessen. Jemand der nur mit 4ern und 5er im Zeugnis daherkommt, signalisiert mir nicht die Bereitschaft, etwas mit Begeisterung zu tun, z.B. auch trainieren zu wollen. Der schmeißt früher oder später den Beruf. Wir können nur hoffen, dass die Leute wieder aufwachen und erkennen, dass Dienstleistung hochprofessionell ist und unheimlich viel Spaß bringen kann. Nur, solange Eltern glauben, dass ihre Kinder alle Abitur machen müssen…
Gerade wurde der Mindestlohn für alle Auszubildenden beschlossen. Wie sehen Sie das?
RS: Wir reden immer von Mindestlöhnen und schimpfen. Wir diskutieren mit den Werten, die wir vor 20, 30 Jahren hatten. Wir brauchen höhere Löhne und dementsprechende Preise. Alles andere ist der falsche Ansatz!
"Wir akzeptieren, dass ein Arzt oder Rechtsanwalt gut verdient und begründen das gern mit dem langen Studium und deren Verantwortung. Und was ist mit uns?"
Was ist mit dem Argument der Finanzierung?
RS: Das ist ganz einfach. Um Mitarbeiter gut zu bezahlen und ordentlich wirtschaften zu können, braucht es einen Umsatz von 60 Euro in der Stunde. Hab ich den nicht, kraxel ich herum.
Und wir brauchen einen höheren Lohn; für Fachkräfte wenigstens 2500 Euro! Denn wer will bei Vollzeit mit 1700 Euro nach Hause gehen? Wie kann man davon ein gutes Leben finanzieren? Wir akzeptieren, dass ein Arzt oder Rechtsanwalt gut verdient und begründen das gern mit dem langen Studium und deren Verantwortung. Und was ist mit uns? Wir fangen mit 16, 17 Jahren an zu arbeiten und finanzieren das! Es wird Zeit, das Handwerk an die Jetztzeit anzupassen!
Das heißt was?
RS: Die Lebensgewohnheiten haben sich geändert. Man will nicht mehr ständig an einem Ort arbeiten und dasselbe machen. WIR verhalten uns so, aber unsere Kinder gehen ins Ausland, sammeln neue Eindrücke, wollen flexibel sein, auch in der Ausbildung. Ich denke, es ist nicht schlimm, nur einen Teil in der Ausbildung zu absolvieren, um sich später zu spezialisieren mit dem Wissen: Jetzt bin ich angekommen. So jemanden sollten wir als Bereicherung sehen und ihm einen Arbeitsvertag geben. Wir müssen uns rechts und links eben öffnen.
Aber wie prüft man solche Leute?
RS: Die Frage ist doch, ob eine Handwerkskammer denn alles prüfen kann, was auf dem Markt angeboten wird? Wer sagt, dass das die richtigen Standards sind? Wir haben seit 35 Jahren die gleichen Strukturen, aber haben die heute noch ihre Berechtigung? Darüber sollte nachgedacht werden.
Mit welchem Ziel?
RS: Es geht um Vereinfachung und andere Wege der Ausbildung, um junge Leute für unsere Branche zu finden. Bei den Eltern soll ankommen: Mein Kind ist nicht schlecht, wenn es ein Handwerk lernt! Dann öffnen sich alle Blicke, auch die der Kinder.
Herr Suchomel, es war mir ein Vergnügen mit Ihnen zu plaudern, herzlichen Dank!